Auch war bei dieser Novemberaktion der Abtransport von jüdischen Männern und Frauen verbunden. In dieser Zeit wurde mir zur Auflage gemacht, dass ich wegen meiner jüdischen Erziehung über den Rhein müsse. Meine Mutter durfte komerweise zuhause bleiben, Gott sei Dank! Am selben Tag, als die Synagoge gesprengt wurde, fuhr ich nach Mannheim zur Cousine meines Vaters, die mit einem jüdischen Bankier aus der Schweiz verheiratet war. Da ich sie auf keinen Fall in Schwierigkeiten bringen wollte, sagte ich ihr gleich, dass ich nur für eine Nacht bleiben würde. Doch sie antwortete: Du bringst mich nicht in Schwierigkeiten, in bin schon. Am Tag darauf traf ich dann Ingenheimer Juden, die mir eine Schlafgelegenheit in ihrer Wohnung anboten. Ich ging zu dem jungen Ehepaar, bei dem die anderen ihren Wohnsitz hatten, und fragte um eine Unterkunft an. Sie stimmten sofort zu und nahmen mich liebevoll auf. Es herrschten ungefähr die selben Verhältnisse wie in unserer Familie, der Mann war jüdischer Abstammung, die Frau christlicher, bei uns war es umgekehrt. Bis zum Dezember verdiente ich mir mein Brot, indem ich kräftig bei der Familie im Haushalt half.
Dann wurde bekannt gegeben, dass wir alle in unser Heimatdorf [Bild unten: Blick auf die prot. Kirche] zurückkehren sollten. Zuerst passte mir das überhaupt nicht, da ich mich hier inzwischen gut eingelegt hatte, aber dann sagte ich mir, dass ich diesen Menschen meine Anwesenheit nicht länger zumuten konnte, wenn mir schon eine Möglichkeit angeboten wurde, wieder nach Hause zu fahren. Ich hätte auch die Möglichkeit gehabt, auszuwandernn, nur waren zu dieser Zeit meine Papiere noch nicht fertiggestellt.
Als
ich dann in Ingenheim ankam, sah ich erst, was alles geschehen
war: Alle Wohnungen waren ausgeräumt, alle Wertsachen beschlagnahmt, Möbel
zerstört und es waren auch einige Häuser ausgebrannt, da die Feuerwehr
in der Kristallnacht den Befehl hatte, nicht auszurücken. Alles war furchtbar
demoliert, es sah katastrofal aus. Ich konnte damals nicht begreifen, dass es
unter Menschen solche Ereignisse gibt. dass so etwas möglich ist, es gab
doch keine Erklärung dafür. Von diesem Zeitpunkt an verdiente ich
in der kleinen Zigarrenfabrik meines Vaters, der etwa zehn Arbeiter beschäftigte,
mein Brot.
Aus dieser Zeit ist mir heute noch sehr gut ein Ereignis im Gedächtnis. Als mich mein Hausarzt im Jahre 1939 wegen meines Gelenktrheumas besuchte, kam er mit meinem Vater und meiner Mutter, alte Schulkammeraden, ins Gespräch. Damals sagte Dr. Jeremias zu meinem Vater: "G., wir gehen noch einmal mit dem Rucksack!" Und genau so kam es. Allmählich wurde dei Situation für unsere Familie immer prekärer, da wir in finanziele Schwierigkeiten kamen. Mein Vater durfte aufgrund einer Verordnung nichts verkaufen und musste zudem allen Beschäftigten weiterhin Arbeit geben und keinen entlassen. Es war eine schreckliche Zeit, die kein Mensch ermessen kann, sie sollte auch noch schlimmer werden.
Auch brach der Kontakt zu Christen fast völlig ab, aber sicherlich nicht von Seiten der Christen oder Juden, vielemehr aufgrund der einzelnen Gesetze, die jetzt immer verschäft wurden. Zu dieser Zeit hatte ich eine enge Freundschaft mit einer Christin, die sich gerade zu Bund Deutscher Mädchen gemeldet hatte, denn damals galt man nichts, ohne Mitglied in einer solche Organisation zu sein. Es bestand eine enge Gemeinschaft zwischen uns, ich besuchte sie täglich oder umgekehrt. Gegen abend machten wir oft einen Spaziergang, und einmal wurden wir von der damaligen BDM-Führerin gesehen. Am nächsten Tag kam meine Freundin zu mir, und sagte, dass ihr die BDM-Führerin den Umgang mit mir verboten habe. Darauf erwiderte ich: Na dann ist wohl unsere Freundschaft hiermit beendet. Doch sie meinte: "Ich bin ein freier Mensch und lasse mir in Bezug auf mein Privatleben keine Vorschriften machen." Dieser Ausspruch war damals sehr wichtig für mich, denn ich hatte doch sonst niemanden. Übrigens diese Freundschaft besteht heute noch und ist inzwischen ein halbes Jahrhundert alt.
Ihr Vater hatte oft zu mir gesagt: "Für dich bleibt immer das Türchen offen. Wenn es Probleme gibt, kannst Du auf uns zählen." Doch als die Judenverfolgung sich ganz rapide zuspitzte, ging ich nicht mehr zu ihnen. Ich konnte diese Leute doch nicht in Misskredit bringen, aber immerhin bestand, was doch viel wert war, die Möglichkeit, bei ihnen unterzutauchen. [heir gehts weiter >>]
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