Dem Vergessen entgegenwirken
Die Deportation der pfälzischen Juden nach Gurs

von Roland Paul

Ein dunkles Datum der pfälzischen Geschichte jährte sich am 22. Oktober 2000 zum 60. Mal. Über 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und der Saarland wurden an diesen Tag auf Betreiben des badischen Gauleiters Robert Wagner und seines pfälzischen Kollegen Joseph Bürckel in das im unbesetzten Frankreich gelegene Internierungslager Gurs deportiert. Für viele von ihnen war dies nur eine Zwischenstation in die Vernichtungslager des Ostens. Die Deportation der pfälzischen Juden bedeutete gleichsam das Ende der jüdischen Gemeinden in den Städten und Dörfern der Pfalz, die 1933 noch 6.487 jüdische Einwohner zählten. Bedingt durch die 1933 einsetzende Entrechtung und Verfolgung hatten etwa 5.000 jüdische Menschen die Pfalz verlassen, sind ins Ausland emigriert oder waren in größere Städte geflüchtet.

Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 wurden die "transportfähigen Volljuden" – wie es in einem Merkblatt der Nationalsozialisten hieß – in ihren Wohnungen festgenommen und abtransportiert. Für die Deportation nach Gurs waren 827 Personen (483 Frauen und 344 Männer) aus der Pfalz vorgesehen. Die meisten von ihnen waren über 47 Jahre, die beiden Ältesten 87 und 88 Jahre alt! Deportiert wurden 63 Kinder – zwei von ihnen nur wenige Monate alt. Die damals neunjährige aus Kaiserslautern stammende und heute in der Schweiz lebende Margot Wicki-Schwarzschild erinnert sich noch gut an den Tag der Deportation: "Eines sehr frühen Morgens wurden wir jäh aus dem Schlaf gerissen; Stiefelgetrampel und Iautes Klopfen an der Wohnungstür, Ich sah meine Eltern erbleichen, zu Tode erschrecken... In der Tür standen Gestapo-Leute in Zivil... Ich sah meinen Vater zittern, meine Mutter weinen... So standen wir, zusammen mit unserer fast 80-jährigen Großmutter, eine Stunde später übernächtigt und blaß, bereit zum Abtransport... Wir wurden dann am späten Abend auf den Güterbahnhof getrieben, durch eine Unterführung, in der die Hitlerjugend der ganzen Stadt Spalier stand, uns verhöhnte, beschimpfte und anspuckte. Wir kamen uns wie der Abschaum der Menschheit vor."

Von Ludwigshafen aus begann der Sammeltransport für die Pfälzer. Vier Tage und drei Nächte waren die Züge unterwegs bis an den Rand der Pyrenäen. Schon während des Transports waren einige, insbesondere ältere Frauen und Männer gestorben, andere starben bald nach der Ankunft in Gurs. Die aus dem westpfälzischen Brücken verschleppte Hilda Straaß, geb. Mann, schrieb am 6, Dezember 1940 an eine befreundete Familie in ihrer Heimat über die Unterbringung in Gurs: "In unserer Baracke sind 50 Personen, Frauen und Kinder... Wir sind hier interniert und leben hinter Stacheldraht... Wir liegen auf Strohsäcken auf dem Boden und die Decken geben nicht warm. Wir haben weder Tisch nach Stuhl und auch keine Fenster, nur Lucken... Wir haben dauernd Hunger und frieren auch sehr..."

Über die Situation in Gurs, die katastrophalen hygienischen Zustände und die mangelhafte Verpflegung liegen zahlreiche weitere erschütternde Augenzeugenberichte vor. Ohne den Einsatz internationaler Hilfsorganisationen, etwa des Schweizer Kinderhilfswerks und seine Schwester Elsbeth Kasser ("der Engel von Gurs") oder der amerikanischen Quäker, die tonnenweise Lebensmittel und Kleidung ins Lager brachten, wäre die Zahl der in Gurs Verstorbenen sicher noch höher gewesen. Im Frühjahr 1941 wurden viele Internierte in benachbarte Lager verlegt, Manche, die über Ausreisepapiere verfügten, konnten noch auswandern.

Im Rahmen der bei der Wannsee-Konferenz beschlossenen "Endlösung der Judenfrage" wurden ab März 1942 auch die in Frankreich internierten Juden in Absprache mit der Vichy-Regierung in den Osten verschleppt. Unter ihnen befanden sich mindestens 334 der über 800 Personen, die 1940 aus der Pfalz nach Gurs deportiert worden waren. Allein 314 von ihnen kamen nachweislich nach Auschwitz. Unter ihnen war auch der 14-jährige Günther Hausmann aus Kirchheimbolanden mit seinen Eltern. Sein jüngerer Bruder Carl, der in einem südfranzösischen Kinderheim untergekommen war, blieb verschont. Er kam nach dem Krieg mutterseelenallein zu seinen Verwandten in die USA. Heute lebt er in New Jersey: "Es ist schwer für mich zu vergeben und unmöglich zu vergessen. Von meiner Kindheit bis heute plagen mich stets die Erinnerungen an die Vernichtung meiner Familie durch die Hände deutscher Menschen, All jenen, die für dieses schreckliche Verbrechen Verantwortung trugen, kann ich nicht vergeben. Ich hoffe, dass meine Aussage für die jüngere Generation und die Humanität in irgendeiner Weise von Nutzen sein wird, so dass die kleine Familie von Kirchheimbolanden wie die Millionen anderer, nicht vergebens gestorben sind."

Literatur: Erhard Roy Wien (Hg.): Camp de Gurs 1940. Zur Deportation der Juden aus Südwestdeutschland, Konstanz 2000

Links:

Arbeitshilfe der evang. Kichen in Baden und der Pfalz (Version 2015; recht große pdf-Datei - 9,4MB!)
Dieses Heft enthält hist. Quellenmaterial, Bilder, Karten, ein Anspiel, sowie Gottesdiensthilfen.
Teile davon sind deckungsgleich mit den Artikeln unten.

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