
1. Der heutige Staat Israel und der Konflikt mit den Palästinensern
sollte zunächst aus der Perspektive der betroffenen Menschen und
Gesellschaften konkret wahrgenommen und unter politikwissenschaftlichen
und sozialethischen Gesichtspunkten reflektiert werden.
2. Methodisch empfehlenswert ist der Einsatz von Medien, die einen Einblick
vermitteln in die Lebenswelt der Betroffenen, in ihre Ängste und
Sehnsüchte, und die eine realistische Auseinandersetzung mit den
prägenden Erfahrungen und engen Handlungsspielräumen vor Ort
ermöglichen.
3. Dabei ist der Unterschied zu unserer eigenen Lebenslage bewusst herauszuarbeiten.
In einem weiteren Schritt sollte den eigenen Voreinstellungen zu den handelnden,
bzw. erleidenden Personen nachgespürt werden: Lässt sich erkennen,
wo sie herstammen und wie wir sie aufgenommen haben? Welche emotionalen
Aufladungen treten hervor?
4. Es wird nötig sein, sich mit der historischen Entwicklung des
Konflikts zu befassen und exemplarisch, aber differenziert auf die vielfältigen
Problemfelder und Hindernisse für eine Friedenslösung einzugehen.
Die religiöse Dimension des Konflikts ist keineswegs dessen Alleinursache,
eine Vertiefung der Kenntnisse von Judentum, Christentum und Islam im
Respekt vor religiösen Überzeugungen kann gleichwohl die Größe
der Aufgabe verdeutlichen und vor simplifizierenden Scheinlösungen
bewahren.
5. Die reichhaltige Tradition des biblischen und kirchlichen „Israels“
ist sauber von der politisch-völkerrechtlichen Realität des
heutigen Staates Israels zu unterscheiden: Eine Lösung des Nahostkonflikts
muss auf dem Gebiet des letzteren gesucht werden. Dazu ist die Auseinandersetzung
mit Formen schwerster Gewalt (Krieg, Terror) und ihrer Eindämmung
nö-tig, die Einsicht in die Mühen kleinschrittiger politischer
Tagesarbeit an rechtlichen Klärungen und am Engagement in versöhnender
Absicht. Es wird klar erkennbar, dass die macht-politischen Rahmenbedingungen
in der Region einerseits und die inneren Auseinanderset-zungn der beiden
Konfliktparteien (Israel, Palästinenser) mit ihren eigenen radikalen
Minderheiten (?!) schwerste Belastungen für den Friedensprozess bedeuten.
Dies muss der Religionsunterricht (RU) als Herausforderung aufgreifen:
Wie kann menschlich mit Ohn-machtserfahrungen von Gewalt und Aussichtslosigkeit
umgegangen werden? Welche ethisch-moralischen Konsequenzen ergeben sich
daraus (auch für uns, die wir „weit vom Schuss“ wohnen
und für unsere Verantwortung in der Welt)?
6. Der RU übt hier den Umgang mit emotional belastenden Themen und
Phänomenen ein: gegen die Verdrängung „schwieriger Themen“
soll zur bewussten Auseinandersetzung mit drohender Rat- und Ausweglosigkeit
motiviert werden, damit man sich nicht einfach der Resignation und Gleichgültigkeit
ergibt.
7. In der Auseinandersetzung mit den Postionen im Konflikt kann die eigene
Dialog- und Debattenkompetenz in hochemotionalen Situationen gestärkt
werden.
8. Die theologische Perspektive auf Israel verlangt eine redliche gedankliche
Verarbeitung der biblischen Land- und Bundesverheißungen. Das erfordert
einen hochreflektierten herme-neutischen Unterricht, der einerseits die
Pluralität der Textzeugnisse und den wissenschaftlichen Dissens wahrnimmt,
andererseits die Legitimität von Glaubensaussagen zu Israel und dem
Gottesgeschenk des Landes und zur fortdauernden Verheißung Gottes
anerkennt. Die Ableitung konkreter politischer Forderungen – etwa
von Gebietsansprüchen für einen Staat Israel - aus einer Theologie
des gelobten Landes ist dagegen nicht zu rechtfertigen und muss ideologiekritisch
reflektiert werden. Die jahrhunderte- und jahrtausendealte antijudaistische
Zuspitzung der christlichen Sicht auf Israel ist kritisch einzubeziehen.
9. Die besondere Verbundenheit von Christen mit dem jüdischen Volk
muss auch bei diesem Thema herausgearbeitet werden. Sie hat Auswirkungen
auf die Sicht des Landes Israel, das in besonderer, aber auch unterschiedlich
geprägter Weise die jüdische Identität betriff. Das Land
ist nicht mit dem Staat Israel zu identifizieren, kann aber auch nicht
völlig von ihm losgelöst gedacht werden. Die historisch einmalige
neue Staatlichkeit Israels kann durchaus im Glauben als „Fingerzeig
der Treue Gottes“ aufgefasst werden und es ist nachvollziehbar,
wenn sie dankbar als Erfüllung des Wunsches nach einer sicheren Heimstatt
für Juden aus aller Welt aufgefasst wird. Didaktisch ist darauf zu
achten, dass der klare Bezug theologischer Aussagen zu der Ebene des Glaubens
nicht verwischt wird mit der vorfindlichen Realität im Nahen Osten,
welche theologisch und ethisch in der Perspektive der Nächstenliebe
und der Verantwortung für lebensdienliche, gerechte Strukturen und
Ver-hältnisse wahrzunehmen ist.
Vorgelegt für eine Arbeitsgruppe bei der Tagung „Über
Israel reden. Nahostdebatte und christliche Theologie“ im Butenschoenhaus
Landau am 22. Juni 2013 von KR Thomas Niederberger, Speyer
Bild: © Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche)
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