Vor über einem Jahr hat der 72jaehrige Ariel ("Arik") Sharon mit seinem umstrittenen Auftritt auf dem Tempelberg den Palästinensern den Vorwand zum Aufstand geliefert. Es war dieser Aufstand, der ihm letztlich den Sieg über seinen Rivalen Ehud Barak sicherte. Viele enttäuschte arabische Israelis, sonst eher der Arbeiterpartei zugetan, blieben dieses Mal den Wahlurnen fern. Die politische Rechte hingegen konnte ihr Wählerpotential, darunter verunsicherte Siedler aus den besetzten Gebieten, besser mobilisieren. Jeder Steinwurf, jede brennende Straßenbarrikade polarisierte die Bevölkerung und brachte Scharon so seinem Ziel näher, das er jetzt mit der Wahl zum Ministerpräsidenten erreicht hat. Doch wer ist der neue starke Mann in Jerusalem überhaupt? Wir dokumentieren hier Auszüge aus einem Newsletter von Israelnetz.de vom 3.10. 2000.
1928 im Ort Kfar Malal geboren, stieß er bereits als 14-Jähriger zur jüdischen Untergrundarmee Haganah, kämpfte später im Unabhängigkeitskrieg. Von 1958 bis 1962 war er Brigadekommandeur und Leiter einer militärischen Ausbildungsstätte. Seinen Ruhm verdankt er seinen legendären Taten als General im Sechs-Tage-Krieg 1967 und sechs Jahre später im Yom-Kippur- Krieg. Dabei galt er jedoch stets als unbequem und umstritten.
Seit Anfang der 70er Jahre engagierte sich Sharon in der Politik. Und zwar nicht in der Arbeitspartei, wie das damals zum guten Ton gehörte. Er war maßgeblich am Zusammenschluss des rechten Lagers im Likud-Block beteiligt, was ihn nicht daran hinderte, die neue Partei bald nach der Wahl zu verlassen, um für die sozialistische Regierung zu arbeiten.
| Israels Ministerpräsidenten David Ben-Gurion (1948-54) Mosche Sharett (1954-55) David Ben-Gurion (1955-63) Levi Eshkol (1963-69) Golda Meir (1969-74) Jitzhak Rabin (1974-77) Menachem Begin (1977-1983) Jitzhak Schamir (1983-84) Shimon Peres (1984-86) Jitzhak Schamir (1986-92) Jitzhak Rabin (1992-95) Shimon Peres (1995-96) Benjamin Netanyahu (1996-1999) Ehud Barak (1999-2001) Rot= Arbeiterpartei / Blau = Likud |
1977 zog er wieder für eine andere Partei (Shlomzion) in die Knesset ein, verließ sie jedoch sofort wieder, um zum Likud zurück zu kehren. Als Verteidigungsminister musste er 1982 zurücktreten, weil er als mitverantwortlich galt für das von christlichen libanesischen Milizen verübte Massaker in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern.
Er blieb der starke Mann im Likud. Nach der Wahlniederlage von Premierminister Benjamin Netanyahu übernahm er die Führung der Opposition. Sharon gilt als der israelische Politiker, vor dem die Araber den meisten Respekt haben. Unweit des Damaskus-Tores im moslemischen Viertel der Jerusalemer Altstadt hat er ein Gebäude, das Wittenberg-Haus, gekauft. Dort weht die israelische Fahne neben einem massiven achtarmigen Leuchter über dem arabischen Viertel.
Hinter vorgehaltener Hand - und mit der Bitte, es niemandem jemals zu erzählen – beichten auch linke Israelis gar nicht so selten, dass sie „den Dicken" heiß und innig verehren. Was seine Feinde nie schafften, brachte ihm der Tod seiner geliebten Ehefrau ein. Sharon wirkte in den vergangenen Monaten angeschlagen, mutlos und gar nicht kampfeslustig. Er wurde – was ihm noch nie passiert ist – unterschätzt. Das ist jetzt vorbei.