von Stefan Meißner
![]() |
|
|
Der angebliche Abendmahlsaal auf dem
Zion in Jerusalem |
1.1. Der Erzählrahmen
Das christliche Abendmahl hat sich höchst wahrscheinlich aus dem letzten
Mahl Jesu mit seinen Jüngern entwickelt. Dieses letzte Mahl aber war nach
Meinung zahlreicher Bibelwissenschaftler ein Passamahl (J. Jeremias). Ihre Argumente
sind im wesentlichen die folgenden:
- Die Datierung der Ereignisse: Nach den synoptischen Evangelien (also Mt, Mk
und Lk) starb Jesus am Vormittag des 15. Tag des jüdischen Frühjahrmonats
Nissan. Das Abendmahl fiele dann genau auf den Vorabend des Passafestes, an
dem Jüdinnen und Juden bis heute im Kreis der Familie den Sederabend feiern.
Johannes nennt abweichend davon den 14. Nissan als Todesdatum. Doch scheint
hier das theologische Interesse des Evangelisten entscheidend gewesen zu sein,
Jesus als „Lamm Gottes“ darzustellen, das wie die Passalämmer
bereits am Rüsttag (noch heute: gr. „paraskewi“=Freitag) sein
Leben lassen muss.
- Neben der Zeit spricht auch der Ort des letzten Mahls für ein Passafest:
Das Passa war um die Zeitenwende eines der drei großen Wallfahrtsfeste,
zu denen fromme Juden nach Jerusalem pilgerten. Jesus war einer dieser vielen
tausend Festpilgern, die am Passafest nach Jerusalem kamen, um dort am Tempel
ihr Opfer darzubringen. Zum anschließenden Essen des Lammes suchte er,
wie in der Tora geboten, einen Ort im Stadtbezirk auf, obwohl er sonst ein Quartier
außerhalb (Bethanien) bezogen hatte.
- Passa feiert man normalerweise im Kreis der eigenen Familie. Jesus feierte
das letzte Mahl im Kreis seiner engsten Jünger, von denen er einmal sagte:
„Siehe da, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder!“
(Mt 12,49). Auch hier also gibt es Berührungspunkte mit der jüdischen
Passatradition.
- In Lk 22,15 sagt Jesus zu seinen Jüngern, bevor das letzte Mahl mit ihnen
feiert: „Mich hat sehnlich verlangt, dieses Passamahl mit euch zu essen,
bevor ich leide“. Ausdrücklicher kann ein Bezug zwischen Passa und
Abendmahl nicht hergestellt werden. Freilich muss festgehalten werden, dass
die anderen Evangelien sich so explizit nicht äußern. Oft hält
man die lukanische Darstellung des Abendmahls von Paulus abhängig, der
in 1 Kor 11 zwar keinen Zusammenhang zu Passa herstellt, der das Thema dafür
aber in 1 Kor 5,7-8 streift. Im ältesten Evangelium, bei Mk, ist der Zusammenhang
zwar weniger deutlich als bei Lk, aber doch erkennbar: „ Wo willst du,
dass wir hingehen und das Passalamm bereiten, damit du es essen kannst?“
(Mk 14,12).
1.2 Die Einsetzungberichte
Während im Erzählrahmen der synoptischen Evangelien die Bezüge
des letzten Mahles Jesu mit seinen Jüngern zum jüdischen Passafest
also nicht zu leugnen sind, sind die Einzetzungsberichte selbst diesbezüglich
nicht ganz so eindeutig. Schauen wir uns die einzelnen Berührungspunkte
genauer an:
- Vom Jünger, der Jesus verrät, wird in Mk 14,20 gesagt, er tauche
mit Jesus (gleichzeitig) die Hand in die Schüssel. Leider wird nicht gesagt,
was sich in der Schüssel befand. Wer schon einmal an einem Sedermahl teilgenommen
hat, fühlt sich erinnert an die beiden Schalen, die als eine Art „Dip“
fungieren: Zum einen wird Petersilie in Salzwasser getaucht, zum anderen aber
auch Rettich in einen Brei aus Äpfeln, Zimt und Nüssen. Könnte
der Mk-Bericht hier an einen dieser Bräuche erinnert haben?
- In den synopt. Evangelien spricht Jesus ein Dankgebet über dem Brot,
bevor er es bricht und an seine Jünger verteilt. Man kann dieses Gebet
mit dem Segensspruch (beracha) über der Mazze in Verbindung bringen, die
die Haupmahlzeit bei Passa eröffnet.
- Ebenso ist von einem Dankgebet vor der Darreichung des Weines die Rede, der
als Segensbecher das Hauptmahl abschließt.
- Schließlich könnte man den Lobgesang erwähnen, mit dem bei
Mt und Mk das letze Mahl endet. Mit ihm dürfte die Rezitation der Hallelpsalmen
(Ps113-114/115-116) gemeint sein, die auch bei einer Passafeier integraler Bestandteil
ist.
Viele der genannten Merkmale des Abendmahls treffen freilich nicht nur für das Passamahl, sondern im Grunde für jede feierliche Mahlzeit zu - und das nicht nur im Judentum, sondern in der antiken Welt überhaupt.
2.1. Heidnische Analogien
So hat die Religionsgeschichtliche Schule im 19./Anf. 20.Jhd. (R. Bultmann u.a.)
v.a. auf Mysterienkulte (Kybele und Attis, Mithras etc.) hingewiesen, wo ähnlich
wie beim Abendmahl eine sterbende und auferstehende Gottheit von den Kultusteilnehmern
durch Essen „einverleibt“ wird („Theophagie“). Es sei
nur am Rande vermerkt, dass jüdische Kritiker des Christentums sich bei
einem solchen Verständnis von Abendmahls an kanibalische Sitten erinnert
fühlten (S. Freud: „Totem und Tabu“ => R. Rubenstein). Dieser
Ansatz hat heute wesentlich an Überzeugungskraft eingebüßt,
v.a. weil man die Mysterienreligionen heute anders versteht als noch vor 100
Jahren (vgl. H.J. Klauck). Gemeinschaftsmähler gab es auch in zahlreichen
antiken Vereinen und Philosophenschulen. Einige dieser Symposien liefern interessantes
Vergleichsmaterial zum Studium des Abendmahls.
![]() |
|
|
Mazzen - ungesäuertes Brot |
2.2. Jüdische Analogien
Selbst wenn man, wofür vieles spricht, auf den jüdischen Kontext rekurriert,
muss man nicht das Passamahl als Vorlage für das Abendmahl ansehen. Brot
und Wein, sowie die begleitenden Segenssprüche, spielen bei jedem normalen
Sabbatmahl eine Rolle. Häufig wird auch die Nähe des letzten Abendmahls
zu den Gemeinschaftsmählern der Sekte vom Toten Meer betont (H.G. Kuhn).
In der Sektenregel (1QS 6,2-5) heißt es beispielsweise: „Und gemeinsam
sollen sie essen, gemeinsam Lobsprüche sagen und gemeinsam beraten. (...)
Und wenn sie den Tisch richten, um zu essen, oder den Most zu trinken, soll
der Priester seine Hand ausstrecken, um den Lobspruch zu sagen über dem
Erstling des Brotes und des Mostes“. Neben den bereits bekannten Elemente
Brot, Wein und Lobpreis passt v.a. die eschatologische (= endzeitliche) Ausrichtung
dieser Mahlzeiten von Qumran gut zum urchristlichen Verständnis des Abendmahls.
Wie die Leute vom Toten Meer ihre Zusammenkünfte als zeichenhafte Vorwegnahme
des messianischen Banketts am Ende der Tage verstanden, so weist auch das sog.
„Entsagungsgelübde“ (Mk 14,25) in die Zukunft, wo Jesus gelobt,
nicht mehr vom Wein zu trinken bis zu seiner Wiederkunft „im Reiche Gottes“
(ähnlich auch Did 9,1-4).
2.3. Zwischenbilanz
Fasst man das bisher Vorgetragene zusammen, kommt man zu dem folgenden Schluss:
Einige Aspekte des Abendmahlsgeschehens wie der communio-Gedanke (d.h. die Vorstellung
einer Gemeinschaft des Menschen mit Gott bzw. der Kultteilnehmer untereinander
im Mahl) lassen sich bereits durch die heidnischen Parallelen ungezwungen erklären.
Andere Momente wie die endzeitliche Perspektive dieser Mahlzeit oder das Beten
von Hallelpsalmen dabei verweisen bei der Suche nach Erklärungen jedoch
eindeutig auf den jüdischen Kontext. Es bleibt auch bei Berücksichtigung
der zuweilen vorgetragenen Kritik an dieser These eine genügend große
Zahl von Berührungspunkten speziell zur Passamahl-Tradition, dass ich daran
festhalten möchte: Das Abendmahl ist eine Wiederholung des letzten Mahls
Jesu mit seinen Jüngern, das mit hoher historischer Wahrscheinlichkeit
ein Passamahl war.
Diese These ist nicht neu. Sie wurde in der Vergangenheit oft vorgetragen, um zu belegen, dass in Blut und Leib Christi der alte Bund Gottes mit Israel abgelöst sei zugunsten eines Neuen Bundes, wie ihn der Prophet Jeremia bereits angekündigt hatte (Jer 31,31-34). Doch diese gängige Interpretation erweist sich bei genauem Hinsehen als problematisch: Erstens sprechen nur Paulus und Lk von einem „neuen“ Bund, bei Mk und Mt fehlt das Adjektiv „neu“. Zweitens wird nach der (vermutlich ältesten) Version der Einsetzungsworte (1 Kor 11/Lk) nicht das Blut Jesu, sondern der Kelch als Zeichen des Bundes apostrophiert. Dieses Detail ist für unser Gespräch mit Jüdinnen und Juden von außerordentlicher Bedeutung, für die der Genuss von Blut eine unmögliche Vorstellung ist (Speisegebote!). Drittens aber suggeriert diese Typologie von alt und neu einen historischen Zusammenhang, der in dieser Form nicht gegeben war. Es ist keineswegs so, dass das christliche Abendmahl einlinig aus dem jüdischen Passamahl abzuleiten wäre. Es gibt zwar Bezüge zwischen beiden, die Beeinflussungen dürften aber, wie wir noch sehen werden, gegenseitig gewesen sein.
3.1 Bewältigung von Verlusterfahrungen
Die Ordnung eines Sederabends, wie er heute in einem jüdischen Haushalt
gefeiert wird, geht im wesentlichen auf die Mischna zurück. Diese Sammlung
schriftgelehrter Diskussionen lag aber nicht vor dem Anfang des 3. Jhds. in
ihrer heutige Fassung vor. Gerade die Materialien, die sich dem Passafest widmen,
werden größtenteils Rabbinen zugeschrieben, die im 2. Jhd.n.Chr.
lebten. Es wäre deshalb ein Anachronismus, die Abendmahlspraxis der Urgemeinde
aus dieser Ordnung ableiten zu wollen. Manche jüdischen Bräuche sind
gar erst im Mittelalter hinzugekommen. So findet sich etwa bei Maimonides im
13. Jhd. noch nicht der heute allgemein übliche Lammknochen auf dem Sederteller
(Hilton, 53). Wir tendieren gerne zu einer solchen einlinigen Erklärung,
weil wir es gewöhnt sind, das Judentum als die Mutterreligion anzusehen,
aus dem heraus sich das Christentum entwickelt hat. Doch in Wahrheit sind beide,
Judentum und Christentum, Geschwister – Kinder einer Religion, die spätestens
in der zweiten Hälfte des 1. Jhd. n. Chr. aufhörte zu existieren („second
temple judaism“).
Der entscheidende Bruch war aus jüdischer Sicht die Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels und damit das Ende des Opferkultes, der Jahrhunderte lang im Zentrum dieser Religion gestanden hatte. Freilich gab es schon seit Jahrhunderten ein Judentum in der Diaspora (= Zerstreuung), wo man Gott auch ohne Tieropfer dienen konnte. Dennoch bedeutete die Zerstörung des Tempels ein ungeheuerer Verlust, auf den die Rabbinen mit einer Neuinterpretation der Tradition reagierten. Die Christen hatten eine ähnliche Verlusterfahrung zu bewältigen, als irgendwann um das Jahr 30 ihr Hoffnungsträger Jesus von Nazareth gekreuzigt wurde, den sie für den Messias hielten, mit dem das Reich Gottes anbrechen würde. Die Bewältigungsstrategien bei Christen und Juden waren erschieden, die zugrundeliegenden Mechanismen aber doch ähnlich.
3.2 Abendmahl und Seder
|
Buchtipp |
|
Während die Rabbinen versuchten, möglichst viele Elemente des Tempelgottesdienst in die häusliche Liturgie des Sederabends hinüberzuretten, indem sie sie symbolisch verstanden, deuteten die Christen das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern neu im Lichte der gemachten Erfahrungen mit ihrem Herrn. Wie die symbolischen Speisen auf dem Sederteller die Hoffnung der Juden auf Befreiung vom Joch der Fremdherrschaft (konkret: der Römer) wach hielten, so erinnerten Brot und Wein an die rettende Hingabe Jesu für seine Jünger. Nicht die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens stand im Mittelpunkt ihres Verständnisses, sondern die Erlösung aus dieser Welt überhaupt. Das Abendmahl wurde dadurch zu etwas, was es im Judentum überhaupt nicht gibt: einem Sakrament (=Heilsmittel). Während die Rabbinen den Verlust des Tempels dadurch zu kompensieren versuchten, dass sie die eigenen vier Wände zum Heiligtum machten, trösteten sich die Christen über den Tod Jesu damit hinweg, dass etwas von ihm blieb. Es waren nicht nur seine Worte, die den Tod überdauerten, sondern etwas viel konkreteres, etwas, das man sehen, riechen und schmecken kann: Brot und Wein. Zwei Bestandteile des Passamahls, die eine relativ untergeordnete Rolle spielten und deshalb inhaltlich leicht neu zu besetzen waren.
Die ersten Christen griffen also beim Abendmahl Elemente aus der Passatradition
auf, allerdings nicht in der Form des Passa, in der es heute bei Jüdinnen
und Juden gefeiert wird, sondern in der Gestalt, in der es gefeiert wurde, als
der Tempel noch stand. Leider wissen wir über das Passafest zur Zeit Jesu
relativ wenig. So wenig, dass jüdische Historiker zuweilen auch neutestamentliche
Texte mit heranziehen, um diese Lücke zu schließen. Indem sie rekonstruieren,
wie die Frömmigkeitspraxis der ersten Christen aussah, erfahren sie etwas
über die Geschichte ihre eigene Religion – so wie sie war vor der
Transformation, von der vorhin die Rede war, also vor der Zerstörung des
Tempels.
Christen und Juden interpretierten das gemeinsame Glaubenserbe neu, jeweils
im Lichte der eigenen Verlusterfahrungen. Dabei wurden die Christen nicht nur
vom Judentum beeinflusst – diese Einsicht ist mittlerweile Allgemeingut
-, sondern auch umgekehrt das Judentum von den Christen. Das zeigt sich z.B.
daran, dass die Bedeutung des Lammes, das im Christentum so zentral wurde („Christus
als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt“) im Judentum
nach und nach zurückgedrängt wurde. Während es in der Antike
(auch nach der Tempelzerstörung) offenbar noch gegessen werden dürfte,
wenn auch anders zubereitet als im Tempel, erinnerte später nur mehr ein
Knochen an diesen Brauch. Außerdem scheint man in bewusster Konkurrenz
zur christlichen Aufwertung von Brot und Wein im Judentum drei andere Aspekte
des Seder betont zu haben (pessach, mazza und maror; vgl. mPes X,5), die zur
Zeit des Tempels ebenfalls eine untergeordnete Bedeutung hattten.
Es war auf beiden Seiten häufig eine Beeinflussung in Form von Negation und Abgrenzung, manchmal sogar der Selbstzensur. Was lange Zeit als völlig unanstößig galt, wurde plötzlich aus der eigenen Tradition eliminiert – nur weil die jeweils andere Seite es praktizierte. Das ließe sich auch an anderen Bräuchen zeigen, nicht nur am Themenkomplex „Passa und Abendmahl“.
Lit.: G. Theißen/A. Merz: Der hist. Jesus: §13: Jesus als Kultstifter
J. Roloff: Das Neue Testament: § 15 Das Abendmahl
| Die Liturgie des Sedermahls nach der Haggada | Evt. Anklänge in den Evangelien |
| A. Vorspeise | |
1. Erster Becher („Kiddusch“), gesegnet vom Hausvater |
Dankgebet über dem Wein (?) |
2. Vorspeise (Grünkräuter, Bitterkräuter, Fruchtmus) |
„..mit mir die Hand in die Schüssel taucht“ (Mk 14,20) |
| B. Passaliturgie | |
1. Passahaggada (=Festlegende), veranlasst durch 4 Fragen des Sohnes |
|
| 2. Passahallel I (Ps 113-114) | Lobgesang (Mt 26,30) |
| 3. Zweiter Becher (Haggadabecher) |
|
| C. Hauptmahl | |
| 1. Tischgebet (mit Mazzen) | Dankgebet über dem Brot |
| 2. Mahl (Lamm, Mazzen, Bittterkräuter, Fruchtmus, Wein) | „..mit mir die Hand in die Schüssel taucht“ (Mk 14,20) |
| 3. Dritter Becher (Segensbecher) | Dankgebet über dem Wein (?) |
| D. Abschluss | |
| 1. Passahallel II (Ps 115-116) | Lobgesang (Mt 26,30) |
| 2. Vierter Becher (Hallelbecher, mit Lobspruch) |
Weiterführende Links
Das
Passafest
Wer
war schuld am Tod Jesu?
Gott
zum Greifen nah: Brot als religiöses Symbol
Keine christlichen
Sederfeiern! Stellungnahme des Koordinierungsrates der GCJZ
| Bücher
zum Thema von unserem Partner www.amazon.de. Bei Interesse klicken Sie einfach auf das Bild! |
|||
| |
|
|
|
| |
|
|
|
| Innerhalb
Deutschlands kostenloser Versand! |
|||