Zu den großen Errungenschaften Ihres Dienstes gehört die Änderung des Grundartikels der rheinischen Kirchenordnung. Warum ist die Veränderung so bedeutsam?
Die Ergänzung des Grundartikels der Kirchenordung 1996 war ein großes Ereignis. Im Laufe der kurzen Geschichte unserer Landeskirche ist eine solche Ergänzung oder Änderung ein einmaliges Geschehen gewesen. Über 80 Prozent der Gemeinden haben votiert, alle Kirchenkreise ein Votum abgegeben, ein magnus consensus kam zustande, begleitet von intensiven Diskussionen um unser eigenes Selbstverständnis als Christinnen und Christen an der Seite Israels vor dem gemeinsamen Gott.
Inwieweit hat diese Änderung die Kirchengemeinden erreicht und das Denken und Handeln verändert?
Wir haben angefangen, neu über unser kirchliches Handeln und Reden nachzudenken. Wir sind sensibler geworden für Gebete und Lieder, die Jüdinnen und Juden herabwürdigen oder durch die sie sich vereinnahmt fühlen. Wir reden von Jesus und dem Judentum nicht mehr nur in der Vergangenheit sondern nehmen wahr, dass Israel und das Judentum eine lebendige Größe ist, dass wir zusammen mit Jüdinnen und Juden „unter dem Bogen des einen Bundes“ stehen. Der Gottesdienst ist dabei das Bewährungsfeld unserer kirchlichen Verlautbarungen. Hier haben sich unsere theologischen Einsichten zu bewähren. Wenn es etwa um die Frage der Lesungen und Predigttexte aus dem ersten Teil unserer Bibel geht, wenn Fragen der Auslegung der gemeinsamen Bibel in den Blick kommen, so hören wir heute auf unsere jüdischen Geschwister und sind uns bewusst, dass wir unseren Gottesdienst im Angesicht Israels feiern. Die Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden bleibt dabei eine Aufgabe, die uns in unserem eigenen Glauben und Handeln korrigiert und bereichert.
Ein weiterer Meilenstein ist die Verankerung und damit Zukunftssicherung des „Studiums in Israel“ im Schoß der EKD. Was macht dieses Projekt so einzigartig und so wertvoll?
Hier haben Theologiestudierende sie Möglichkeit vor Ort in Jerusalem an
der Hebräischen Universität und in einem eigens dafür eingerichteten
Begleitprogramm Leben, Sprache und jüdische Religiosität, die Lebensbedingungen
des Judentums in Israel zu studieren. Das führt ins Zentrum des christlichen
Glaubens. Wer den christlichen Glauben verstehen will, braucht dazu das Judentum,
da unsere Schriften, das sogenannte Alte Testament und auch die Schriften des
Neuen Testaments, im Kontext des Judentums entstanden sind, ja ins Judentum
gehören. Jesus ist Jude und ist es geblieben – wollen wir wissen,
wer wir als Christinnen und Christen sind, sind wir auf die Kenntnis des Judentums
angewiesen. Das ist keine Sache für Spezialistinnen und Spezialisten.
Israel – Judentum – jüdische Religiosität – jüdisches
Leben gehört in den Katalog der Kernkompetenzen von Theologinnen und Theologen
– das Programm „Studium in Israel“ bietet eine schöne
Möglichkeit, sich diese zu erwerben.
Welche Aufgaben bleiben im christlich-jüdischen Dialog?
Einerseits geht es um Weiterentwicklungen in den theologischen und kirchlichen
Themen im engeren Sinn. Zur Zeit beschäftigen wir uns in den Gemeinden
mit der Frage nach dem einem Gott, nach der Trinität und dem gemeinsamen
Gebet von Christen, Juden und Muslimen. Das Verhältnis der drei Religionen
zueinander – die Frage der Zuordnung von Christentum, Judentum und Islam
bleibt auf der Agenda. Im Blick auf einen gemeinsamen Auftrag in der Welt stellt
sich verschärft die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik
in Deutschland, in Europa und im Nahen Osten.
Fragen der Sicherheit des Staates Israel sowie der Lebenssituation von Palästinenserinnen
und Palästinensern können nicht ausgespart werden im Gespräch
zwischen Juden und Christen. Letztlich muss sich in allen zentralen Handlungsfeldern
christlichen Lebens erweisen, ob unsere theologischen Einsichten tatsächlich
Wirkung zeigen, ob neue Gedanken nicht nur unser Beten, Schrift-Auslegen, Bekennen,
Singen und Feiern vor Gott prägen, sondern ob unser Glaube eine Gestalt
gewinnt, die unseren Glaubenseinsichten im Alltag der Welt entsprechen und sich
dort bewähren.
Quelle: ekir.de