Jüdisches Leben in Speyer

von Johannes Bruno und Eberhard Dittus

Die Autoren bei der Vorstellung ihres Buches

 

Einleitung

Der Weg der jüdischen Gemeinde in Speyer war gekennzeichnet durch einen Wechsel von Glück und Unglück, von Wachstum und Zerstörung, von Wertschätzung und Verfolgung bis hin zur Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus. Zerstörung, Verfolgung und Vernichtung haben ihre Ursachen in einem latenten Antijudaismus, dessen Ursachen vielschichtig sind.

Im Folgenden soll versucht werden eine kurze Darstellung der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse aufzuzeigen und danach an 12 Stationen die Geschichte der Jüdischen Gemeinde von Speyer lebendig werden zu lassen.

Mit der Broschüre „Jüdisches Leben in Speyer“, die diesem Artikel zugrunde liegt, wollen wir die Verdienste der jüdischen Bürgerinnen und Bürger für ihre Heimatstadt würdigen und ihrer Opfer gedenken.

Die Ostwand der Speyerer Synagoge

 

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Speyer vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Die erste jüdische Ansiedlung wurde 1084 außerhalb der Stadt auf Betreiben des Speyerer Bischofs Rüdiger Hutzmann gegründet und mit einer Mauer umgeben, um die Juden vor Übergriffen aus der Bevölkerung zu schützen. Im Jahre 1090 bestätigte und erweiterte Kaiser Heinrich IV. die Privilegien des Bischofs.

Bereits 1096 bestand in der Nähe des Domes eine weitere jüdische Ansiedlung. Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen des Ersten Kreuzzuges waren die Speyerer Juden 1096 einer Verfolgung ausgesetzt, in deren Verlauf 11 Gemeindemitglieder ermordet wurden. Als Folge dieser Ereignisse zogen die Juden verstärkt in die Nähe des Domes. Dort errichteten sie ein neues Gemeindezentrum. Am 21. September 1104 konnten sie die neue Synagoge ihrer Bestimmung übergeben. Zur gleichen Zeit entstand das Ritualbad, die Mikwe. Die Gemeinde unterhielt eine Schule zur religiösen Fortbildung junger Gelehrter (hebr. Jeschiwa). Daneben gab es Schulen, die von einzelnen Rabbinen unterhalten wurden. So entwickelte sich Speyer zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.

Namhafte Gelehrte, die so genannten "Weisen von Speyer“, unterrichteten angehende Rabbinen in Tora, Talmud und Kabbala. Ihre Absolventen wirkten später in bedeutenden Gemeinden, beispielsweise in Regensburg und Wien. Seit 1156 zählten die Rabbinen von Speyer mit ihren Kollegen in Worms und Mainz zu den religiösen Autoritäten in ganz Mitteleuropa. Die drei Gemeinden wurden sogar so berühmt, dass sie nach ihren hebräischen Anfangsbuchstaben als „SchUM-Gemeinden“ in die Geschichte eingingen.

Beim Zweiten Kreuzzug (1147-49) beklagten die Speyerer Juden „nur“ ein Todesopfer. Im Jahre 1195 wurden neun Gemeindeglieder getötet, als die Juden beschuldigt wurden einen „Ritualmord“ begangen zu haben. Die Gemeinde erholte sich rasch von den Schrecken dieser Verfolgung. Ihre Mitglieder – 300 bis 400 an der Zahl – betätigten sich weiterhin als Gelehrte, Kaufleute und zunehmend als Geldverleiher, weil ihnen die Ausübung bestimmter Berufe nicht erlaubt war. Eine Gruppe Speyerer Juden brach 1286 unter der Leitung von Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg auf, um nach Erez Israel auszuwandern. Umgehend fielen ihre Güter König Rudolf von Habsburg zu.

Der Pogrom im Pestjahr 1349 beendete mit seinen Gräueltaten die Blütezeit der mittelalterlichen Judengemeinde in Speyer. Nach ihrer Wiederzulassung 1352 gehörten die Juden in die rechtliche Zuständigkeit der Stadt und fanden nie mehr zu ihrer früheren Bedeutung zurück. Nach mehrfachen Vertreibungen und Wiederzulassungen, Einschränkungen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten, sowie diskriminierenden Verordnungen des Speyerer Bischofs Matthias von Rammung im Jahre 1468 verlieren sich die Spuren der mittelalterlichen Judengemeinde in der Zeit um 1500. Bereits 1529 wurde Synagoge, Ritualbad und umliegende Gebäude als städtisches Arsenal genutzt.

Seit 1621 bestand wiederum eine Judengemeinde, die im Vorfeld des Pfälzischen Erbfolgekrieges 1688 vertrieben wurde. Im Verlauf des Krieges wurde Speyer von den Truppen Ludwigs XIV. in Brand gesteckt, wobei auch die ehemalige Synagoge zerstört wurde.

Im Gefolge der Französischen Revolution bildete sich 1797 unter dem Vorsteher Simon Adler die neuzeitliche Gemeinde. 1837 entstand wieder eine neue Synagoge in der Hellergasse. Von 1808 bis 1880 ist die Mitgliederzahl von 80 auf 539 angewachsen. Im Jahre 1888 wurde der Friedhof im St.-Klara-Kloster-Weg geschlossen und ein neuer Friedhof in der Wormser Landstrasse eröffnet, der auch heute noch erhalten ist.

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten die 1837 erbaute Synagoge. Am 22. Oktober 1940 wurden 51 Gemeindemitglieder in das Internierungslager Gurs/Südfrankreich deportiert. Damit hörte die neuzeitliche Gemeinde auf zu existieren. Erst 1996 konnten jüdische Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion die „Jüdische Gemeinde Speyer“ als Verein gründen.